GEBURTSTAGSKUCHEN FÜR EIN TOTES KIND

Lieber Luis,

Heute ist Dein Geburtstag. Wenn Du noch leben würdest, wärest Du nun ein Jahr alt. Wir denken viel an Dich, 

heute umso mehr und bewusster. Wir wollten Deinen Geburtstag ein bisschen für Dich feiern. Dein Papa, Deine große Schwester und ich.

Und Emma meinte, dass wir dann auch einen Kuchen backen müssen. Einen Schokoladenkuchen, weil wir ja nicht wissen welchen Kuchen Du gerne magst. Und Schokoladenkuchen mag ja jedes Kind. Den haben wir dann gegessen und Deine Kerze angezündet, die eine liebe Seele für uns gestaltet und uns geschenkt hat.

Manch einer mag es befremdlich finden, dass wir Deinen Geburtstag feiern, wo Du doch gar nicht mehr lebst. Aber weißt Du was? Es ist mir egal. Du bist unser Kind, Emmas Bruder, und wir dürfen alles machen was wir wollen um uns Dir nahe zu fühlen. Ob wir Deinen Geburtstag auch in ein paar Jahren noch feiern werden? Ich weiß es nicht. Aber das ist auch nicht wichtig. Wichtig ist, dass wir das tun, was unserer Familie gut tut. Jetzt, in diesem Moment. Und das kann nächstes Jahr oder in ein paar Jahren etwas ganz anderes sein als heute.

Ich kann mich noch sehr gut an den Tag erinnern, an dem wir erfuhren, dass Dein kleines Herzchen nicht mehr schlägt.  Von einem Moment auf den anderen war unser Glück zerstört.

Wir waren so voller Vorfreude auf Dich. Mir ging es gut. Endlich hatte ich die Übelkeit hinter mich gelassen und konnte die Schwangerschaft genießen. Und dann – bei einem Routine-Ultraschall die Nachricht, dass Du nicht mehr lebst. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie wir uns gefühlt haben. Es war ein bisschen wie im falschen Film zu sein. Doch leider war es wahr.

Was dann folgte war die reinste Hölle für unsere kleine Familie. So eine Art von Trauer habe ich noch nie zuvor erlebt. Ein Kind zu verlieren ist wohl das Schlimmste, was einem passieren kann. Eine Zeit lang konnte ich an nichts anderes denken als an Dich. Ich weiß noch, wie ich versucht habe mich zusammen zu reißen, um Deine Schwester Emma zu schützen. Ich wollte nicht, dass sie mitbekommt, wie schlecht es mir ging. Aber es war einfach nicht möglich. So sehr ich mich auch anstrengte, die Trauer und die Tränen brachen immer wieder aus mir heraus. Heute denke ich, dass es okay war. Denn natürlich wusste sie schon längst von dem Baby in meinem Bauch, streichelte ihn täglich und freute sich auf ihr Geschwisterchen. Wir hätten nicht einfach so tun können, als sei nichts passiert. Wir haben Emma aktiv mit einbezogen, ihr erklärt, dass ihr kleiner Bruder nun im Himmel wohnt, gemeinsam einen Baum für Dich gepflanzt und um Dich getrauert.

Unser Umfeld formulierte in den kommenden Wochen und Monaten sehr deutlich, wie wenig Verständnis sie für unsere Trauer hatten. Sätze wie „Ihr habt doch schon ein gesundes Kind, an dem ihr euch erfreuen könnt“, „Seid ihr denn IMMERNOCH so traurig?“ „Seid doch froh, dass es so gekommen ist, vielleicht wäre es ja behindert gewesen“,  „Seid froh, dass ihr erst in der 13. Schwangerschaftswoche ward, ich kenne eine Frau die in der soundsovielten Woche war und das ist ja wohl noch viel schlimmer!“, haben sich in unseren Kopf eingebrannt. Sehr oft kam auch der Rat, wir sollten uns professionelle Hilfe holen. Versteh mich nicht falsch, es kann durchaus Sinn machen, sich psychologische Unterstützung zu holen. Dennoch finde ich es mehr als erschreckend, wie oft uns dieser Tipp gegeben wurde. Wenn wir sie gebraucht hätten, dann hätten wir uns Hilfe geholt. Was wir aber vor allem brauchten war Zeit und Verständnis, in Ruhe trauern zu dürfen. Und genau das haben uns viele einfach nicht zugestanden.

Ich frage mich: Warum nicht? Sterneneltern haben ein gutes Recht zu trauern. Sie haben ihr Kind verloren und es spielt überhaupt keine Rolle, in welcher Schwangerschaftswoche dies passiert ist oder ob das Kind bereits geboren war. Das mag für Außenstehende (leider) einen Unterschied machen. Für Sterneneltern ist es einfach nur ihr Kind. Und es tut unglaublich weh, wenn es stirbt. Und das darf es auch!

Manchmal habe ich mich gefragt, was mit unserer Gesellschaft schief läuft. Ich habe noch nie gehört, dass wenn ein Ehepartner, ein Elternteil oder ein Großelternteil verstorben ist angeraten wurde sich professionelle Hilfe zu holen. Oder dass gefragt wurde „Ist es denn IMMERNOCH so schlimm für dich?“ oder „Sei froh, dass dein Mann erst mit 57 Jahren gestorben ist. Ich kenne eine Frau, deren Mann ist mit 34 verstorben und das ist ja wohl noch viel schlimmer!“ Umso öfter habe ich aber schon gehört, dass Sterneneltern aus Angst vor den Reaktionen ihres Umfeldes  ihren Verlust für sich behalten haben. Oder von Sterneneltern, deren Umfeld ähnlich reagiert hat wie unseres. Das muss sich ändern!

Du wirst immer unser Kind sein und für immer zu unserer Familie gehören. Wir werden nie verstehen, warum Du gehen musstest. Aber vielleicht kann unsere Geschichte ein kleines bisschen dazu beitragen, dass sich andere Sterneneltern nicht so allein gelassen fühlen, wie wir uns gefühlt haben.

Wir haben Dich sehr lieb! Happy Birthday kleines Sternenkind!

​EIN GESCHWISTERKIND KÜNDIGT SICH AN

Wenn wir erneut ein Baby erwarten, so kommen häufig direkt nach der ersten Freude auch Sorgen auf. Wie wird das ältere Kind auf das jüngere reagieren? Wird Eifersucht ein Thema sein? Vielleicht haben wir schon gehört, dass das ältere Kind von einem befreundeten Paar das jüngere Kind öfter kneift, oder „blödes Baby“ sagt.

 Die gute Nachricht: Wir als Eltern können sehr viel dafür tun, dass sich das erstgeborene Kind nicht benachteiligt fühlt. Die schlechte Nachricht: Ganz ohne Rivalität geht es nicht (dazu mehr an anderer Stelle).

Bereits in der Schwangerschaft können wir das ältere Kind mit einbeziehen. Es kann zum Beispiel bei den Vorsorgeuntersuchungen dabei sein. Die meisten Kinder finden es spannend zu beobachten, wie die Hebamme das Baby im Bauch der Mutter ertastet, um Aufschluss auf Lage oder Größe des Babys zu bekommen. Vielleicht darf es auch mal fühlen oder mit dem Hörrohr lauschen? Ultraschallbilder können gemeinsam betrachtet werden und es können Vermutungen angestellt werden, wem das Baby wohl ähnlich sehen wird. Vielleicht holen wir auch alte Fotoalben wieder hervor und schauen uns Babyfotos des ersten Kindes oder die von uns Eltern an.  Und auch wenn das Babyzimmer eingerichtet wird, mag das Geschwisterkind bestimmt gerne helfen die Babykleidung in die Schränke einzuräumen. Eine schöne Idee ist auch, dass das ältere Geschwisterkind für das Baby ein Kuscheltier oder eine Spieluhr aussuchen darf. Das Geschwisterkind kann auch jetzt schon Kontakt mit dem Baby aufnehmen, in dem es den Bauch streichelt oder einölt und währenddessen mit dem Baby redet. Wer möchte, kann hierfür eine feste Zeit am Tag einrichten, vielleicht am Abend vorm zu Bett gehen? Wichtig: Das alles können Angebote sein, die Freude daran steht an oberster Stelle. Auf keinen Fall sollten wir Druck ausüben, denn der kann die Lust auf das Baby schnell in Frust verwandeln.

Wenn ein Baby geboren wird es in der Regel von Freunden und Verwandten beschenkt. Aber auch dem Geschwisterkind dürfen jetzt Geschenke gemacht werden und es darf als Bruder/Schwester beglückwünscht werden! Weiterhin sollten wir versuchen das Geschwisterkind so oft wie möglich mit einzubeziehen. Es kann sich an der Körperpflege des Babys beteiligen oder sogar gemeinsam mit dem Baby in die Badewanne (unter Aufsicht). Exklusivzeiten, in denen sich zumindest ein Elternteil nur um das ältere Geschwisterkind kümmert, sollten nun auch so oft wie möglich stattfinden. Je nach Temperament des Babys und vielen weiteren äußeren Umständen (Wie viel Unterstützung haben die Eltern? Können Oma und Opa eine Zeit lang das Baby betreuen? Wie ist die allgemeine Rollenverteilung in der Kernfamilie? Ist der Vater greifbar oder beruflich viel unterwegs?) können diese babyfreien Zeiten zu Anfang vielleicht sehr kurz erscheinen. Dennoch sind sie wichtig und wertvoll, damit das Erstgeborene Kind sich gesehen fühlt. Und mit dem Älterwerden des Babys können wir diese Zeiten dann auch langsam immer weiter ausdehnen. Gerade bei gestillten Kindern neigen wir Eltern schnell dazu, uns so aufzuteilen, dass die Mutter sich ausschließlich um das Baby und der Vater sich ausschließlich um das ältere Geschwisterkind kümmert. Natürlich kann es für das Kind sehr schön sein, besonders viel Zeit mit dem Vater oder anderen Bindungspersonen zu verbringen. Wenn aber die Mutter vor der Geburt des Babys in der Bindungshierarchie weiter oben stand als der Vater, kann dieser Bindungseinbruch eine traumatische Erfahrung sein. Hier dürfen wir kreativ sein und eigene, für uns passende Strategien entwickeln. Ein sattes Baby kann zum Beispiel vom Vater im Tragetuch getragen werden, während die Mutter diese wertvolle Zeit mit dem Geschwisterkind verbringt. Dies kommt nicht nur der Beziehung zwischen dem erstgeborenen Kind und der Mutter zugute, sondern auch der Beziehung zwischen dem Baby und dem Vater.

Selbstfürsorge in der Elternschaft – ein Interview mit Inner Balance Coach Heike Kotthoff

Bindungs- und bedürfnisorientierte Elternschaft gerät immer mal wieder auch in die negativen Schlagzeilen.

Der Grund: Eltern wollen es besonders gut machen,

 haben häufig nur die Bedürfnisse ihrer Babys und Kinder im Blick und nicht ihre eigenen.

Viele Eltern geraten so schnell in die Burnout-Falle.

Aber muss das wirklich sein?

Heike Kotthoff verrät in diesem Interview ihre Tipps für ein Familienleben in Balance.

Heike ist zweifache Mutter, Bloggerin, Inner Balance Coach und Yogalehrerin (i.A.).

Sie berät Frauen, die beide Rollen im Einklang Leben wollen: Die der Mutter und die der Unternehmerin.

Hanna: Vielen Paaren geht es ja ähnlich. Während der Schwangerschaft haben sie eine romantische Vorstellung vom Familienleben. Kaum ist das Baby da, ist alles irgendwie ganz anders. Hast du Tipps für Paare, wie sie bereits in der Schwangerschaft Vorkehrungen für eine möglichst entspannte Babyzeit treffen können?

Heike: Da kann ich einfach jedem empfehlen: Schau nach innen, schon in der Schwangerschaft.  Lass dich nicht verunsichern von Kommentaren oder ungefragten Ratschlägen anderer. Bleib bei dir. Es ist dein Leben und das soll sich für dich / für euch als Familie gut und richtig anfühlen. Folgende Fragen können helfen: Was ist mir wichtig? Was brauche ich damit es mir gut geht? Welche Familienregeln  und –rituale wollen wir?

Hanna: In meinen BabySteps®-Kursen berichten mir Mütter immer wieder, dass sich für ihren Partner eigentlich gar nicht so viel verändert hat. Er arbeitet, trifft sich mit seinen Freunden und findet auch noch Zeit für seine Hobbys. Sie hingegen ist in Elternzeit, leidet unter Schlafmangel, ​bekommt den Haushalt nicht auf die Reihe, schafft es häufig nicht einmal zu duschen, an Freundinnen ist gar nicht zu denken. Wie kommt man aus diesem Hamsterrad wieder raus?

Heike: So war es bei uns nie! Wir haben von Anfang an beschlossen, dass wir uns alles teilen wollen. Nach der ersten Geburt ging es mir körperlich sehr schlecht, sodass mein Mann nachts immer aufstehen musste um mir unsere Tochter anzulegen und dann hat er sie gewickelt, in den Schlaf begleitet… 

Für uns war auch immer klar, dass wir uns die Nächte aufteilen. Wir haben immer geschaut wer gerade welche Energiereserven hat und was natürlich beruflich bei meinem Mann anstand. Aber auch wenn es den Männern in der Woche nicht möglich ist, so gibt es ja auch noch ein Wochenende! Natürlich kann der Mann nicht stillen, aber wickeln, tragen, schmusen, wiegen, kann der Mann nachts genauso gut. Hier erlebe ich allerdings sehr oft, dass die Frauen den Männer das schlichtweg nicht zutrauen oder sie gar nicht machen lassen (Ja, Männer machen es anders, aber nicht schlechter).​Das Gleiche gilt natürlich auch für den Haushalt. Nur weil ein Mann das Geld nach Hause bringt, heißt das ja noch lange nicht, dass die Frau dann für alles andere zuständig ist. Redet miteinander, kommuniziert eure Bedürfnisse und liebe Frauen, steht für euch ein. Denn oftmals laden wir Frauen viel zu viel auf unsere Schultern und bezahlen dann am Ende selbst einen hohen Preis dafür!   

Hanna: Welche Tipps hast du für Eltern, die sich keine Unterstützung bei den Großeltern holen können?

Heike: Wenn ihr Unterstützung braucht, dann lernt danach zu fragen. Vielleicht wohnt nebenan jemand, der sich tierisch freuen würde, mal eine Runde mit dem Kinderwagen zu schieben. Oder fragt eure Freunde. Bei uns war es total toll, denn wir haben von Anfang an auch Freunde mit eingebunden und die haben sich immer riesig gefreut. Denen haben wir sogar einen Gefallen getan.

Hanna: Das Baby nach Bedarf stillen und trotzdem Zeit für sich als Mama – geht das?

Heike: Ja, auf jeden Fall. Man kann es z. B. mit Abpumpen versuchen, wenn man mal wirklich „raus“ möchte. Oder du nutzt die kleinen Schlafpausen des Kindes einfach mal für DICH statt fürs Aufräumen, Putzen etc..  Wer Kinder hat, muss sowieso damit klarkommen, dass man nie alles fertig hat und dass es auch nie 100% sauber und ordentlich ist 😉

Hanna: ​Attachment Parenting und Paar bleiben – wie passt das für dich zusammen?

Heike: Eltern sein und Paar bleiben, das funktioniert nur, wenn man der Beziehung auch eine Priorität im Leben einräumt. Wir haben beispielsweise alle 4 Wochen ein „Date“, wo immer abwechselnd etwas organisiert wird. Und das muss gar nichts Großes sein.

​Es kann ein Spieleabend, ein Kochabend etc. sein. Es geht darum Zeit als Paar zu verbringen.

Hanna: Heike, du bist selbst zweifache Mutter und Businessfrau. Verrätst du uns euer persönliches Konzept für ein glückliches, erfülltes Familienleben?

Heike: REDEN. REDEN. REDEN. Als Mama bist du plötzlich in einer zusätzlichen Rolle. Aber das heißt ja nicht, dass all deine anderen Rollen auf einmal einfach weg sind. Darum ist es auch so wichtig, dass du dich immer wieder reflektierst und dann auch wirklich für deine Bedürfnisse einstehst und mit deinem Partner sprichst. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir uns nur dann richtig gut um jemand anderen kümmern können, wenn wir uns auch selbst gut um uns kümmern. Manche Mamas glauben sie müssten alles aufgeben um eine gute Mutter zu sein. Das glaube ich nicht. Ganz im Gegenteil. Ich stelle mir daher oft die Frage: Wenn mein Kind später erwachsen ist, an welche Mama soll es sich dann erinnern? An eine Businessmama die nie Zeit hatte? An eine Mama, die immer nur den Putzlappen in der Hand hatte? An eine Mama, für die eine Welt zusammengebrochen ist als das Kind ausgezogen ist? Oder an eine Mama, die sich ein Leben nach ihren Wünschen erschaffen hat, bei der immer eine gewisse Leichtigkeit und pure Liebe in all ihrem Tun spürbar war, die auch mal weg war und es dann mit Papa eine richtig tolle Zeit war.

BINDUNGS- UND BEDÜRFNISORIENTIERTE BEGLEITUNG VON KINDERN- WAS IST DAS ÜBERHAUPT?

Den Ursprung der bindungs- und bedürfnisorientierten Pädagogik finden wir in den USA. Der Kinderarzt Dr. William Sears trat in den 1980er Jahren gemeinsam mit seiner Frau Martha Sears in verschiedenen amerikanischen Fernsehshows auf. Hier warben sie für ihren Erziehungsstil, den sie bei ihren 8 gemeinsamen Kindern anwandten. Auch einige Bücher brachten die beiden gemeinsam auf den Markt. Attachment Parenting, kurz AP (deutsch: Bindungserziehung; bindungsorientierte Elternschaft) nannten sie ihren Ansatz der Kindererziehung. Charakteristisch für diese neue Form der Elternschaft war vor allem das bonding nach der Geburt, das Stillen der Babys, das Tragen der Babys in einer Tragehilfe, das gemeinsame Schlafen im Familienbett, das prompte Reagieren auf das Weinen des Babys, der Verzicht auf so genannte Schlaftrainings, sowie die Balance zwischen den Bedürfnissen aller Familienmitglieder (auch denen der Eltern!). Sears Form der Elternschaft stützte sich auf die Bindungstheorie Bowlbys und Ainsworths. Diese ist bis heute eine der wichtigsten wissenschaftlichen Studien zum Bindungsverhalten von Kindern, auf die sich Pädagogen und Psychologen noch immer beziehen. Auch wenn Sears Form der Elternschaft noch sehr auf die Mutter ausgerichtet war, und er einen autoritären Erziehungsstil befürwortete (er behauptete unter anderem, dass ein AP-Kind sich bereits durch ein Stirnrunzeln der Eltern „disziplinieren“ lasse), so hat das Ehepaar Sears doch wichtige Pionierarbeit in der Begleitung von Babys und Kindern geleistet. 

Auch in Deutschland fand diese Form der „Erziehung“ Anklang. Hierzulande ist es unter anderem der Kleinkindpädagogin Susanne Mierau, dem Kinderarzt Herbert Renz-Polster, der Journalistin Nora Imlau und den beiden Expertinnen für bindungs- und bedürfnisorientierte Begleitung (kurz: BO) Frauke Ludwig und Diana Schwarz von Einfach Eltern® zu verdanken, dass bindungsorientierte Elternschaft immer populärer wird.  BO hat sich in den letzten Jahren zusehends weiterentwickelt zu dem, was es heute ist. Bindungsorientiert Kinder zu begleiten bezieht sich längst nicht mehr nur auf die Mutter. Im Zuge der Veränderung unseres gesellschaftlichen Familienbildes, ist die Rolle des Vaters in BO-Familien inzwischen gleichwertig. Allgemein ist BO viel moderner geworden. BO heißt schon lange nicht mehr, dass die Mutter zu Hause bleibt (es sei denn, sie möchte es) und auf Fremdbetreuung verzichtet wird.

In Hamburg findet seit 2014 alle zwei Jahre der Attachment Parenting Kongress statt, wo Experten und Expertinnen zu verschiedenen Themenschwerpunkten referieren. 

Aber was heißt bindungsorientierte und bedürfnisorientierte Begleitung von Kindern denn jetzt konkret?

Das größte Erziehungsziel der bindungsorientierten Elternschaft ist der Aufbau einer sicheren Bindung zwischen Eltern und Kindern, sodass sie später als selbstbewusste, selbstsichere Menschen mit einem starken Fundament in die Welt hinausgehen können. Wie dieses Ziel erreicht wird, kann ganz unterschiedlich aussehen. Es gibt keinen Fahrplan. Vielmehr ist es eine Einstellung, wie wir unseren Kindern begegnen. Wir begegnen unseren Kindern auf Augenhöhe und nehmen sie an wie sie sind. Wir bringen ihnen den gleichen Respekt gegenüber wie Erwachsenen. Wir wissen, dass unser Kind bereits jemand ist und nicht erst werden muss. Wir wollen unsere Kinder nicht in irgendeine Richtung hin „erZIEHEN“, sondern begleiten sie auf ihrem eigenen, ganz individuellen Weg. Besonders in den ersten Lebensjahren können wir uns zur Erfüllung der Bedürfnisse unserer Kinder an den von Sears festgelegten Punkten orientieren. Denn diese sind genau auf die Bedürfnisse von Babys und Kleinkindern zugeschnitten. Das heißt aber nicht, dass wir alle Punkte erfüllen müssen, die Sears vorgesehen hat. Susanne Mierau spricht von einem Baukastensystem aus dem wir uns bedienen dürfen, aber nicht müssen. Eine Familie die nicht gemeinsam im Familienbett schläft, kann genauso BO sein wie eine Familie die eben dies tut. Eine Mutter die nicht stillt, kann genauso bedürfnisorientiert das Fläschchen füttern. Wir sollten nicht auf einer Liste abhaken was wir alles tun um BO zu sein, denn darum geht es gar nicht. Es geht vielmehr um die Art und Weise wie wir miteinander umgehen, nämlich feinfühlig und wertschätzend.Immer wieder gerät bindungsorientierte Elternschaft auch in die Kritik, weil Eltern sich für ihre Kinder aufopfern würden, was über kurz oder lang zum Burnout führe. Tatsächlich ist Überlastung heute in vielen Familien ein Thema. Die Ursache hierfür liegt aber nicht am Erziehungsstil, sondern daran wie wir heute in unserer Gesellschaft leben. Ja, es ist sehr anstrengend, ein Baby in relativ kurzen Zeitabständen nach Bedarf zu stillen – und das auch nachts über mehrere Monate. Da scheint der Gedanke ans Fläschchen oder an von den Eltern festgelegte  Fütterungszeiten schon fast naheliegend. Dabei liegt hier der „Fehler“ nicht bei unserem Kind, das zu fordernd ist und auch nicht bei uns Eltern, die nicht belastbar genug sind, sondern am heute so häufig fehlenden Dorf. Lebten wir früher noch in großen Gemeinschaften, in denen sich mehrere Erwachsene mit der Kinderbetreuung abwechselten, so sind Eltern heute oft fast ausschließlich auf sich allein gestellt. 

„Jetzt bin ich aber sauer!“ Kinder in Gefühlsstürmen begleiten

Wenn Kinder starke Emotionen empfinden, werden sie von diesem Gefühlssturm regelrecht überrollt. Nach außen zeigen sie uns dies durch weinen, schreien, stampfen, hauen, sich auf den Boden werfen, Gegenstände schmeißen, etc.   

Sie wollen und müssen von uns begleitet werden. Hier ist es wichtig, dass wir einfühlsam und wertfrei reagieren. Sätze wie „Ist doch nicht so schlimm“ oder „Das ist jetzt aber kein Grund zu weinen“ signalisieren dem Kind, dass wir seinen Gefühlsausbruch als übertrieben bewerten. Es fühlt sich in seiner Not nicht ernst genommen. Gefühle wie Wut, Trauer, Überforderung, Frustration und Angst werden von uns Erwachsenen oft als negativ wahrgenommen – meist weil wir es in unserer Kindheit selbst so erlebt und gelernt haben. Aber sie sind da und dürfen sein. Wir können sie nicht klein und auch nicht weg reden. Es ist wichtig ihnen den Raum zu geben, den sie brauchen. Das Kind darf seine Gefühle zeigen, muss diese nicht verbergen und muss auch nicht auf sein Zimmer geschickt oder ausgegrenzt werden, „bis es sich wieder beruhigt hat“. Für die Entwicklung des emotionalen Bereichs im Gehirn ist dies von großer Bedeutung.  

Wir können den Kindern nun helfen, indem wir (besonders bei jüngeren Kindern, die es noch nicht selbst können) ihre Gefühle benennen. Wir können sagen: „Du bist jetzt traurig/wütend, weil du dir die Schuhe selbst anziehen wolltest und es nicht geklappt hat.“ Oder: „Es ist okay, dass du wütend bist.“ So können Kinder lernen, ihre Gefühle später für sich selbst einzuordnen und damit umzugehen.  

Das Nervensystem von Kindern ist noch nicht ausgereift. Sie können sich nicht selbst beruhigen, hierfür brauchen sie uns Erwachsene. In der Pädagogik nennt man das Co-Regulation. Wenn wir ein Kind in den Arm nehmen um es zu trösten, werden durch den Körperkontakt verschiedene Hormone ausgeschüttet (unter anderem unser Liebes- und Bindungshormon Oxytocin), die es beruhigen. 

Aber was, wenn ein Kind sich nicht beruhigen lassen möchte? Auch das ist okay. Die Intensität der Gefühle kann von Situation zu Situation unterschiedlich sein – aber auch von Kind zu Kind. Manchmal ist ein Gefühlssturm größer und manchmal kleiner, ist von langer oder von kurzer Dauer. Unsere Aufgabe ist es nun, das Kind nicht alleine zu lassen und uns zum Trösten anzubieten. Das Kind wird unser Angebot annehmen, sobald es dazu bereit ist – der Sturm vorüber ist. 

Einen Gefühlssturm auszuhalten kann sehr kräftezehrend und herausfordernd sein. Sowohl für das Kind, als auch für die begleitende Person. Im Idealfall bleiben wir in solchen Situationen gelassen und ruhig. Aber genau das ist nicht immer so einfach. Mehrmals tief durchzuatmen kann dabei helfen. Auch sich bewusst machen, dass der Gefühlssturm nicht von Dauer ist, sondern vorüberzieht, kann ein Aushalten für uns erträglicher machen. Wenn sich der Sturm endlos lang anfühlt, können wir auch still für uns zählen, um die Zeit besser einschätzen zu können. Positiver Nebeneffekt beim Zählen: Da wir jetzt aktiv etwas tun (wir zählen), fühlen wir uns nicht mehr so machtlos. 

Und was ist, wenn wir mal nicht so feinfühlig, sondern genervt auf das Kind reagieren? Dann ist das für diese eine Situation sicherlich nicht förderlich. Ich kann nur beruhigen, wenn ich selbst ruhig bin. Die Entwicklung des Kindes wird aber nicht geschädigt, wenn es uns ab und zu nicht gelingt es so zu begleiten, wie wir es uns eigentlich wünschen. Wir sind selbst eben auch nur Menschen. Wir alle haben unsere eigenen, manchmal unschönen Erfahrungen als Kinder gemacht. Diese haben uns und unser Nervensystem geprägt. Und wir alle haben nur begrenzt Ressourcen zur Verfügung. Wenn der Tag ohnehin schon stressig und lang war, fällt es umso schwerer feinfühlig auf Kinder einzugehen. Wichtig ist, dass wir uns selbst immer wieder reflektieren und uns die Situation bewusst machen. Warum ist es heute nicht so gut gelaufen? Dabei dürfen wir eines nie vergessen: Wir sind die Erwachsenen und tragen die Verantwortung. Das Kind hat keine Schuld, wenn eine Situation aus dem Ruder gerät. Und auch wir müssen nicht perfekt sein, wir dürfen gemeinsam mit den Kindern wachsen und lernen! 

ABSCHIEDSBRIEF AN MEIN EINZIGES KIND

Meine liebe Emma,

ich kann mich noch sehr gut daran erinnern wie Dein Papa und ich uns gefühlt haben, als wir beschlossen ein Kind zu bekommen. Wir waren voller Vorfreude und sehr glücklich über unseren Plan. Dann hat es aber noch eineinhalb Jahre gedauert bis wir endlich die Nachricht erhielten, dass ich ein Baby (Dich) in mir trage. Mensch, was war das aufregend! Endlich sollte unser Wunsch in Erfüllung gehen!

Die Schwangerschaft haben wir beide sehr genossen. Dein Papa hat jeden Abend meinen Bauch gestreichelt und mit Dir geredet (ich natürlich auch). 

Und dann warst Du plötzlich da. Ganz wach hast Du uns mit Deinen großen Augen angeschaut. Dich in meinen Armen zu halten – ein unbeschreibliches Gefühl. Und so begann für uns das Abendteuer Familie.

Viele erste Male haben wir seither mit Dir erfahren. Das erste Mal kuscheln, das erste Mal stillen, das erste Mal Windeln wechseln, das erste Mal eine schlaflose Nacht durchleben, das erste Mal ein „Aua“ wegpusten. Das erste Mal als Eltern verzweifelt sein, nicht wissen ob wir das Richtige tun. Dein erstes Lächeln, Deine erste Worte und Schritte. Wir haben viel dazu gelernt, gemeinsam Höhen und Tiefen erlebt, uns auf den bindungsorientierten Weg gemacht und Deinen kleinen Bruder Luis gehen lassen müssen. 

Und jetzt wo ich wieder schwanger bin, muss ich so oft zurück denken an die Zeit als Du noch ein Baby warst. Du bist unser erstes Kind, aber bald nicht mehr unser einziges. Du hast dich so toll entwickelt, bist gewachsen und wir mit Dir. Du erfüllst uns mit Stolz und tiefer Dankbarkeit. Wir lieben Dich über alles, Du kluges, fröhliches, willensstarkes, sensibles, empathisches Kind! 

Und so sehr ich mich auf dein Geschwisterchen freue, darauf bald wirklich zu viert zu sein und gemeinsam als Familie weiter zu wachsen….es fühlt sich irgendwie auch ein bisschen wie ein Abschied an. Nie wieder werde ich so viel Zeit für Dich haben wie jetzt. Du wirst Dir Deine Eltern bald teilen müssen. Da wird es noch jemanden geben, der auch Bedürfnisse hat. Wie wird das für Dich wohl sein? Wirst Du verstehen, dass wir Dich deshalb nicht weniger lieben? Ich hoffe es sehr. Denn auch wenn Du bald nicht mehr unser einziges Kind bist, so wirst Du immer unser Kind sein. Und es wird Momente geben, das verspreche ich Dir, in denen unsere Aufmerksamkeit nur bei Dir liegt. Auch wenn sie vielleicht nicht mehr ganz so häufig sein werden wie jetzt.